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Ein Reiseführer aus Kindersicht

Reiseführer für Kinder
Die Journalistin Birgit Vitense hat die Kindertauglichkeit von Ausflugszielen auf Usedom und Rügen getestet. (Bild: ZB-Funkregio Ost)

Von Martina Rathke, dpa

Greifswald (dpa) -

Die Greifswalder Journalistin Birgit Vitense musste weit reisen, um auf eine nahe liegende Idee zu kommen. Im Sommer 2006 besuchte die Mutter einer damals fünfjährigen Tochter ihre Freundin im amerikanischen Boston. Dort fiel ihr ein Kinderreiseführer mit dem Titel «Kids explore Boston» (Kinder entdecken Boston) in die Hände. Vitense war begeistert: Museen wurden in dem Buch auf ihre Kindertauglichkeit getestet und mit Punkten bewertet, Eltern erhielten praktische Hinweise zu Kinderhochstühlen, Wickelräumen oder Altersgruppeneignung von Spielgeräten. «In dem Moment wurde mir klar, dass ähnliche Reiseführer für die Tourismusregionen Usedom und Rügen komplett fehlen. »


Zurück in Deutschland machte sie sich an die Arbeit. «Den Aufwand habe ich unterschätzt», erinnert sie sich rückblickend. «Als Journalistin meint man die Region zu kennen, über die man seit Jahren berichtet. » Die Einrichtungen aus der Kinderperspektive zu sehen, sei allerdings etwas ganz anders. Als Verstärkung für das Projekt holte sie sich ihre Kollegin Kirsten Schielke ins Boot.


Knapp zwei Jahre nach dem Amerika-Besuch, Hunderte von Kilometer weiten Recherchetouren ans Kap Arkona oder nach Ahlbeck und langen Stunden am Computer halten die Autorinnen nun die ersten Exemplare ihres Erlebnisreiseführers für Kinder und Eltern in den Händen. Bereits der Titel formuliert die Kinderfrage, auf die Eltern oft mit ratlosem Achselzucken reagieren: «Was machen wir morgen, Mama?» heißen die beiden in jeweils 3000 Exemplaren erschienenen Bände, in denen Eltern je 80 getestete und bewertete Ausflugsideen für die Inseln Rügen und Usedom finden.


Neben klassischen Ausflugszielen wie dem Usedomer Kletterwald oder dem Nationalpark-Zentrum am Königsstuhl können die Erwachsenen auch Hinweise auf Orte wie Peenemünde und Prora entdecken, die man in einem Kinderreiseführer zunächst nicht vermuten würde. Dabei geben die Autoren durchaus auch kritische Urteile ab. Bei Prora, der einstigen von den Nationalsozialisten als «KdF-Seebad der Zwanzigtausend» geplanten Urlaubsanlage, empfehlen die Autoren den Eltern, ihren Kindern den Ort unbedingt in Gesprächen zu erklären. «Allein durch die Ausstellung erhalten sie kaum einen Zugang zu der schwierigen Geschichte des Ortes», schreiben sie.


Der Rostocker Hinstorff-Verlag, in dem die Reiseführer erschienen sind, ist mit dem Erstverkauf seit Mitte März sehr zufrieden. «Offenbar sind wir damit in eine echte Marktlücke gestoßen», berichtet Verlagssprecherin Jana Powilleit nach Gesprächen mit Buchhändlern auf Usedom. «Wir hoffen, dass wir ganz schnell eine zweite Auflage nachdrucken können. » Autoren und Verlag brüten bereits über der nächsten Projektidee.


Auch der Landestourismusverband hat das Potenzial der Reiseführer erkannt und das Vorhaben wohlwollend begleitet. «Mit einem Anteil von rund 30 Prozent sind Familien mit Kindern die Haupturlaubergruppe in Mecklenburg-Vorpommern», sagt der Sprecher des Tourismusverbandes, Tobias Woitendorf. Der Reiseführer passt gut in die Strategie des Landes, sich noch stärker mit Angeboten für Eltern oder Großeltern zu profilieren. Von diesem Jahr an will der Verband ein Familiensiegel - einen kleinen Fisch - an besonders familienfreundliche Einrichtungen vergeben.


Auf eine kategorisierte Bewertung durch ein Punktesystem - wie in dem Boston-Führer - haben die beiden Journalistinnen verzichtet. «Was für Vierjährige geeignet ist, kann für Zehnjährige total langweilig sein», berichtet Schielke. Hinweise auf Altersgruppen, Kinderwageneignung, Wickelmöglichkeiten und Kosten findet der Leser in einer Randspalte. Für ein Schmunzeln beim Lesen sorgen vor allem die Illustrationen des Designers und Leiters der Anklamer Grafik+Design-Schule, Harald Larisch. Der Zeichner lässt zwei kleine Comicfiguren durch das Buch spazieren. Auf jeder Seite geben sie freche oder hintergründige Kommentare, die sich auf die Ausflugsziele beziehen. So fragt auf der Seite zum Jagdschloss Granitz der kleine Strichfigurenjunge seine Freundin: «Warum stehen Burgen auf Hügeln?», worauf diese antwortet: «Weil Männer auf Hügel stehen. »



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