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Sanssouci ertasten: Blindenführung durch Welterbe

Von Imke Hendrich, dpa

Potsdam/Berlin (dpa) - Hans Murrl ist ganz vorsichtig. Fast zärtlich streift er mit seinen Fingern über den kleinen Filz- Streifen. «Das ist einer der Heiligen», erklärt Evelyn Friedrich und klappt die Pappkarte auf.


«Und hier ist die Passionstafel von Cranach.» Hans Murrl tastet sich weiter durch das Schaffen des großen Künstlers, während Friedrich das Werk genauestens beschreibt. Die kleine mit Filz beklebte Karte hilft dem fast 80-Jährigen, sich ein «Bild» zu machen. Hans Murrl ist blind. Auch die anderen bei dieser Sonderführung durch die Schau zum Werk Lucas Cranachs im Berliner Schloss Charlottenburg können höchstens noch Umrisse erkennen.


Ob Welterbe-Stätten wie in Potsdam das Neue Palais im Park von Sanssouci, das Technikmuseum in Berlin, das Hygiene-Museum in Dresden oder die Anna Amalia Bibliothek in Weimar - in Deutschlands Museen gibt es bereits zahlreiche Angebote für Blinde und Sehbehinderte. «Aber es wäre schön, wenn wir viel öfter die Ausstellungsstücke auch ertasten dürften», meint der 34-jährige Thomas Andree. Er ist von Geburt an blind und geht am Arm seiner Mutter gerade sicher an allen Vitrinen mit Urkunden rund um die Cranach-Zeit vorbei.


Gästebetreuerin Friedrich, die die speziellen Angebote für die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg mit viel Liebe und Erfindungsgeist gestaltet, betont: «Mit Blinden und Sehbehinderten dauert eine Führung deutlich länger, schließlich muss ich alles genau erklären - da werden Maße, Proportionen, Farben plötzlich ganz wichtig.» Sie bleibt mit ihrer Gruppe an einem Porträt von Kardinal Albrecht von Brandenburg stehen: «Kleines Format, 50 Zentimeter hoch, 40 breit, er trägt ein gold-rotes Gewand und tritt eher als weltlicher Mann auf. 14 Ringe an den Fingern, Tränensäcke unter den Augen - nicht wirklich sympathisch» - nicht selten ertappt sich der Sehende dabei, dass er viele Einzelheiten schlicht übersieht.


«Schloss Sanssouci ist übrigens völlig ungeeignet für solche Führungen, da muss man binnen 40 Minuten durchhetzen», sagt Friedrich. Warum eine Kunst-Führung für Blinde Zeit braucht, zeigt sich auch an einem Altar aus der Zeit des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich I. (1371-1440): «Für die, die es nicht sehen, habe ich ein Modell gebastelt», sagt Friedrich. Und dann tasten Murrl und die anderen nacheinander den liebevoll ausgeschnittenen kleinen «Papp-Altar» ab.


So viele Führungen für kulturinteressierte Blinde und Sehbehinderte wie in Berlin gibt es nirgends sonst in Deutschland, wie der stellvertretende Berliner Landesvorsitzende des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenvereins, Detlef Friedebold, erzählt. «Fast 140 Angebote hatten wir dieses Jahr.»


Vera Neukirchen, stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen Museumsbundes, betont: «Ob Exponate abgetastet werden dürfen, müssen Restaurator und Kustode immer genau absprechen, und natürlich muss dabei den teilweise sehr empfindlichen Exponaten Rechnung getragen werden». Generell tue sich in der Museumslandschaft aber viel, was die Angebote für besondere Besuchergruppen angeht. Der Museumsbund mit seinen rund 1900 Mitgliedern sei bemüht, «Barrierefreiheit für alle» zu unterstützen.


Friedebold, der mit 30 Jahren erblindete, plädiert dafür, dass vor allem bei neuen Museen Behinderte in die Vorbereitungen einbezogen werden. «Für das in Dresden vorgesehene Militärhistorische Museum der Bundeswehr sollten wir die Planung auf ihre Barrierefreiheit überprüfen.» Wichtig seien für Blinde besonders ausführliche Hörführungen und Beschreibungen von Filmen sowie Modelle zum Abtasten und ein Zugang zu den Objekten. Auch baulich könne manches schief gehen: «In Dresden waren Brücken aus Lochblech vorgesehen, in denen können aber Blindenführhunde mit ihren Krallen oder auch die Blindenstöcke hängen bleiben.»


Informationen: Kontaktadresse bei der Schlösserstiftung für Gäste mit Behinderung: Wilma Otte, E-Mail: w.otte@spsg.de, Telefon: 0331/9694194

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