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Hamburg, meine Perle - Literarische Hafentour

Literatur in Bewegung
Die Schauspielerin Magdalena Bössen steht während ihrer «Textour» im Hamburger Hafen an einem Kai. (Bild: dpa)

Von Georg Ismar, dpa

Hamburg (dpa) - Die Elbe ist ihre Freundin, das spürt man. Den Rücken dem Fluss zugewandt steht Magdalena Bössen - gehüllt in ein Matrosenkostüm und einen gelben Friesennerz - in quietschgelben Gummistiefeln auf zwei Pollern.


Sie breitet die Arme im abendlichen Dämmerlicht aus und ruft: «Ich habe mich verliebt in den Hamburger Wind. » Nachts an der Elbe machen die Containerkräne Geräusche, die wie ein seltsames Weinen klingen, sagt sie. Seit die 27 Jahre alte Diplom-Sprecherin und Sprecherzieherin 2004 von Stuttgart an die Elbe übersiedelte, ist sie dem Lockruf der Kräne erlegen und bietet Hamburg-Touren der anderen Art. Textouren nennt sie das.


Es ist Literatur in Bewegung. Magdalena Bössen klettert auf Krangerüste, Holzpfähle, Aussichtsplattformen und Molen im Hafen und präsentiert literarische Ergüsse von Wolfgang Borchert, Bertolt Brecht oder Heinrich Heine, die sich mit Hamburg befassen. Im Hintergrund sind die knarzenden Kräne zu hören, die im orangenen Licht der Peitschenlampen auf der anderen Elbseite wie von Geisterhand zigtausende Container hin- und herfahren. Und da ist der ständige Begleiter, die Elbe, die gegen die Molen platscht.


Die passionierte Seglerin rezitiert nicht nur, singt oder schauspielert, sie überrascht die an ihren Lippen hängenden Zuhörer auch mit Dingen, die sie schon immer wissen wollten, aber nie gefragt haben. «Was sind die vier häufigsten in den Schiffscontainern nach Hamburg gebrachten Sachen?» Schweigen, Nachdenken. «Kaffee, Tee, High-Tech aus Japan und Teppiche», sagt die Dame mit den kurzen blonden Haaren. «Hamburg ist nach Teheran der zweitgrößte Umschlagplatz für Teppiche. »


Die gebürtige Hessin liebt die Hansestadt, auch deshalb ist sie auf die Idee der Textouren gekommen. Die Hamburger seien unglaubliche Lokalpatrioten, meint sie. Wie man die oft drögen Hamburger Männer zum Reden bringt? «Ihnen von der Schönheit anderer Städte vorschwärmen, zum Beispiel wie toll die Isar ist. Dann fangen sie an zu reden ohne Punkt und Komma - von Hamburg natürlich. »


Sie macht die Tour bei jedem Wetter. «Zur Not geht's zwischendurch nen' Grog trinken. » Wenig später an der nächsten Station zerstört sie einen Hamburger Mythos. Die Seeleute suche man in Hamburg vergebens, die auf der Reeperbahn nur eines im Kopf haben: Feiern und Frauen. «Sie sind oft sehr einsam, bleiben mit ihren Schiffen in der Regel nur acht Stunden im Hafen und gehen aus Geldmangel kaum von Bord. » Das sei eigentlich ein trauriger Beruf, sagt sie.


Dann geht es auch schon weiter, elbaufwärts an den Hafenanlagen entlang, Bössen klettert in das Gestänge einer rostigen Krananlage und ruft in die immer näher rückende Nacht hinein: Wäre Hamburg ein Mensch - sie wäre eine Frau! Eine ältere, stille Frau, die genau weiß, was sie will (...), die frei sein will und unabhängig. » Dann geht es zu einem hölzernen, mit Moos bewachsenen Duckdalben, einem Pfahl, an dem Schiffe festmachen. Bössen klettert hinauf, schwankt in der Elbe hin und her.


Einmal und nie wieder hat sie ihre Freundin unterschätzt, sagt die Rezitatorin. Sie dachte, die Elbe habe etwas sanftes, zartes - bis sie einmal im Winter in den Fluss fiel und nur knapp gerettet wurde. «Da habe ich gemerkt, dass sie ein ganz anderes Gesicht hat. » Natürlich fällt ihr auch zu dieser Geschichte ein Text ein, aus Wolfgang Borcherts «Draußen vor der Tür» zitiert sie, auf dem Duckdalben sitzend: «Mein Gott, wo bin ich denn hier gelandet?»


In der Tür einer Fischhalle stehend erzählt sie anschließend vom Tag- und Nachtgesicht der alten Dame Hamburg. «Tagsüber gehört sie den Menschen, die ein Ziel vor Augen und einen vollen Terminkalender haben. (...) Nachts gehört Hamburg den Menschen, die Zweifel haben, die an der Bar sitzen und nicht an morgen denken wollen. (...) Die Nacht macht Hamburg barmherzig. »


Nach so viel Melancholie ist die Fortsetzung im Museumshafen Övelgönne nur passend. Die Zuhörer sollen auf die alten Holzkähne starren und bevor sie zu einer schwedischen Volksweise ansetzt, sagt Bössen: «Stellt euch vor, wenn ihr eines der Schiffe besteigt, wen ihr mitnehmen wolltet. » Hamburg sei schließlich die Stadt des Fernwehs und der Freiheit. «Jederzeit kann man ein Schiff nehmen und fortfahren. Und gerade deshalb kommt man immer wieder zurück. »



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