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Zwischen Himmel und Erde: Aufs Dach des Kölner Doms

Von Christoph Driessen, dpa

Köln (dpa/tmn) - Auf dem Dach des Kölner Doms verbirgt sich eine Traumwelt voller Schluchten und Spalten, Zinnen und Zacken. Ein Besuch ist unvergesslich - allerdings muss man schwindelfrei sein.


Kann es das geben: eine Zauberlandschaft, die mitten in einer Großstadt neben dem Hauptbahnhof liegt und den Blicken dennoch verborgen bleibt? Eine Parallelwelt, die kaum jemand kennt? Wer sie betritt, bewegt sich durch ein Labyrinth von Strebebögen und Pfeilern, gemeißelten Blumen und aus Stein gehauenem Laubwerk. Aber da sind auch Wolfsgesichter, Teufelshörner und Drachenflügel. Fratzenhafte Dämonen strecken ihre Klauen aus, ein Monster verschleppt einen Jungen, ein Werwolf gräbt seine Krallen in den Rücken eines schreienden Mannes. Keine Fantasy-Kulisse reicht an diesen Ort heran: das Dach des Kölner Doms, das gerade 150 Jahre alt geworden ist.


Das Dach ist 12 000 Quadratmeter groß. Hier wäre Platz für ein Kaufhaus. Ein Großteil ist bebaut: Die Dombaumeister planten alles bis ins letzte Detail und schmückten das Dach mit 11 000 Türmchen und 2000 Skulpturen. Wozu diese ungeheure Prachtentfaltung, wo doch das meiste vom Boden aus gar nicht zu sehen ist? Die Antwort lautet, dass der Dom nicht für Menschen gebaut wurde: Vom Himmel aus hat man einen perfekten Blick auf das Dach.


Jeden Werktag gibt es ein halbes Dutzend Führungen. Sie sind so begehrt, dass die Wartezeit mindestens mehrere Wochen beträgt. Aber das Warten lohnt sich: Mit dem Lastenaufzug der Dachdecker und Steinmetze fährt man an der Nordfassade hinauf - ein Vergnügen nur für Schwindelfreie. Der Aufzug rumpelt an der Außenwand himmelwärts, vorbei an Strebebögen, Pfeilern und Zinnen. Rechts und links schauen überlebensgroße Figuren durch die Scheiben. Aber Himmel - was ist das? Ein Heiliger mit Bauarbeiterhelm? Nein, hier haben die Steinmetze ihrem früheren Betriebsratsvorsitzenden ein Denkmal gesetzt. Auch Fußballspieler des 1. FC Köln, ein fülliges Funkemariechen und ein Karnevalszug sind in luftiger Höhe verewigt.


Wenn man den Aufzug nicht benutzen kann, müssen die Besucher die Wendeltreppe hinaufschnaufen. Oben angekommen, tastet man sich über Korridore und Dachböden weiter. Mal steht man im Freien und schaut bis ins Siebengebirge, mal bietet sich ein märchenhafter Blick hinunter in den Dom - ganz klein sieht man dann die Touristen durchs Kirchenschiff laufen. Die langen Reihen mächtiger Stützpfeiler mit ihren fächerförmigen Kronen unter dem Deckengewölbe wirken von hier aus wie die Bäume eines uralten Forstes.


Es ist still hier, 70 Meter über dem Boden. Außer einem fernen Rauschen, dem Autoverkehr, hört man nur Regen und Wind. Wie aus den Spalten einer Felsspitze wachsen in vielen Winkeln Gräser, Farne und Sträucher. Hier oben gibt es bis zum Ende aller Tage genug zu tun für die Mitarbeiter der Dombauhütte. Türme bröckeln, Engel schauen traurig auf ihre Einschusslöcher aus dem Krieg oder erschrecken mit entstellten Gesichtern. Viele sind Opfer des Steinfraßes, der Luftverschmutzung, die sie verwittern ließ. 100 Jahre lang donnerten direkt neben dem Dom die Dampflokomotiven über die verkehrsreichste Eisenbahnbrücke der Welt. «Auch mit den Kriegsschäden haben wir noch immer zu tun», sagt Matthias Deml, einer der Führer beim Dach-Rundgang. Ob es nun daran liegt, dass man dort oben dem Himmel näher ist oder einen weiteren Horizont hat: Wenn man vom Domdach hinabsteigt in die Niederungen des Alltags, ist man ein klein wenig gelassener als vorher.


Infos

Das Dach des Kölner Doms Führungen: Eintrittspreise: Informationen:

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