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Natur pur: Wassersportler entdecken Aller

Yacht «Allerina»
Spaziergänger beobachten die vorbeifahrende Yacht «Allerina» auf dem Fluss Aller bei Langlingen nahe Celle. (Bild: dpa)

Von Johannes Wagemann, dpa

Langlingen (dpa) - Erstaunt blicken die Fußgänger auf einer Brücke bei Langlingen (Landkreis Celle) auf das Flüsschen Aller. Ist das eine Segelyacht? Ja, Holger Jureczko steuert an der Pinne und das weiße Großsegel flattert im Wind. Er versucht, etwas Fahrt aufzunehmen.


«Der Wind kommt von Achtern, da müssen wir jetzt aufpassen, keine Patenthalse gegen den Wind hinzulegen», mahnt der 45-Jährige seine Mitfahrer an diesem ungemütlichen Aprilnachmittag. Jureczko war der Initiator, die Aller zu besegeln - zwischen Kuhweiden und Feldern.


Südöstlich von Celle soll auf zehn Kilometern des Flusses ein Segelrevier entstehen. Das wünscht sich jedenfalls der «Segelverein Flotwedeler Land e. V. ». Zehn Segler mit Erfahrung und rund 60 weitere Neugierige haben sich im Oktober vergangenen Jahres zusammengetan. 30 von ihnen sind sogar schon Bootsbesitzer, denn sie haben einen Anteil an der «Allerina», einer 6,70 Meter langen Yacht, erworben. Sie ist vor wenigen Tagen getauft und «angesegelt» worden.


«Als ich den ersten Leuten vom Segeln auf der Aller erzählte, meinten sie, dass das gar nicht klappen kann», erinnert sich Jureczko. Er musste Überzeugungsarbeit leisten, sagt der Hochseesegler, der bereits ein Schiff über den Atlantik überführt hat. In etlichen Vorträgen vor Gemeinderäten erläuterte er sein Konzept für das Segeln auf Flüssen.


Volker Radtke, Vorsitzender des Segler-Verbands Niedersachsen in Hannover, hat Zweifel an der Aller als Segelrevier: «Das geht in meinen Augen nicht, vor allem kann man bei rund 25 Meter Breite ja nicht mal richtig kreuzen», meint er. Das sei nötig, denn der Wind wehe ja nun mal nicht immer passend. Da sei selbst der Hannoveraner Maschsee noch besser geeignet. Fluss-Segler gebe es in Niedersachsen bislang höchstens an der Weser-Mündung. Insgesamt segeln nach Angaben des Verbands in Niedersachsen rund 28 000 Menschen. Es gibt knapp 200 Segelvereine.


Jureczko ficht das nicht an. Er hat sogar einen Plan, wie an etlichen kleinen Flüssen Segelreviere eingerichtet werden könnten: «Für jeden Fluss müssen Tiefe, Wind und Fließgeschwindigkeit sowie der Baumbestand am Ufer überprüft werden», sagt er. Bei der Mittelaller, die rund zwei Meter tief sei und nicht zu viele Bäume am Ufer habe, gehe das. Auch die Strömung betrage nur bis zu zwei Knoten (1,85 km/h), «da können wir bei gutem Wind schon rund 3 bis 5 Knoten erreichen (5 bis 9 km/h)», glaubt Jureczko.


Wilfried Weber erinnert sich: «Wir haben schon seit langem Kanuten hier, aber ein richtiges Segelboot, das kam mir doch abenteuerlich vor», sagt der Gastwirt, dessen Lokal «Allerparadies» direkt hinter dem Steg der Segler liegt. Da die Segler einen kleinen Außenbord- Motor zum Wenden und bei widrigem Wind benutzen, benötigten sie eine Ausnahmegenehmigung für das Fauna-Flora-Habitat(FFH)-Schutzgebiet von den Landkreisen Celle und Gifhorn. Sie gilt bis Mitte Oktober. «Wir müssen abwägen zwischen Umweltschutz und Tourismus», sagt ein Sprecher des Landkreises Celle. Der Verein muss genaue Logbücher führen und später vorlegen.


Umweltschützer sehen das Segeln kritisch. Stefan Ott vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) Niedersachsen befürchtet, dass die Segler aus Langlingen eine Tür öffnen könnten für zu viele Wassersportler. «Ein Segelboot ist zwar kein Untergang», sagt Ott. Beeinträchtigungen für die Tiere in und an der Aller seien jedoch nicht auszuschließen. Segelsport begrüße der BUND grundsätzlich, doch seien auch Konflikte mit den vielen Kanuten absehbar, falls nach und nach mehr Segler hinzu kämen, erst recht mit Motor.


Die Segler um Jureczko sehen sich hingegen selbst als Naturschützer. Alte Seitenarme der Mittelaller sollten wieder angeschlossen und kleine Badestrände eingerichtet werden. «Das wäre auch für die Fische gut, sie könnten in dem ruhigeren Wasser wieder besser laichen», sagt Jureczko. Der Motor genüge zudem strengsten Vorgaben der Bodensee-Richtlinie, weil weder Stoffe ins Wasser gelangten, noch eine große Bugwelle entstehe.


Der 45-Jährige hat bereits vor einigen Jahren die «Unteraller» mit seinem Boot «Niobe» befahren und verweist darauf, dass Fluss-Segeln in den Niederlanden und Großbritannien schon lange beliebt sei. «Damals war ich der Einzige», sagt er. Jetzt stehe ein Verein dahinter, sagt er und muss den Bootsmotor anwerfen, denn an diesem Tag auf der Aller kommt das Schiff dann doch nicht gegen die Fluss-Strömung an.



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